Interview zur »Einführung in das Pastafaritum«: Ratzingers Theologie als Anhängsel des Spaghettimonsters

Wofür Christentum und Islam Jahrhunderte benötigten, ist dem Pastafaritum in nicht einmal zwei Jahrzehnten gelungen: einen theologischen Klassiker vorzulegen, der abzusehenderweise für lange Zeit richtungsweisend bleiben dürfte. MIZ sprach mit dem Autor Joseph Capellini über sein Erfolgsbuch, über den Bezug zu Joseph Ratzingers Einführung in das Christentum und über das Fliegende Spaghettimonster (FSM).

MIZ: Ihre Ein­führung in das Pastafari­tum gilt bere­its seit Erscheinen als mod­ern­er Klas­sik­er – nicht nur in der pasta­farischen, son­dern in der The­olo­gie ins­ge­samt. Was ist das Beson­dere an diesem Werk?

Joseph Capelli­ni: Viele Leserin­nen und Leser haben mir geschrieben, dass ihnen das Buch geholfen hat zu ver­ste­hen, wie sich Glaube unter den geisti­gen Bedin­gun­gen unser­er Zeit darstellt. Das war mein Ziel: ich habe diese Ein­führung ver­fasst, um den Glauben neu zu ver­ste­hen, ohne ihn umständlich auszule­gen. Denn oft mün­dete dies in ein Gerede, das nur müh­sam eine völ­lige geistige Leere verdeck­te. Das wollte ich unbe­d­ingt ver­mei­den. Stattdessen sollte es eine aus­führliche, aus­ge­wo­gene Unter­suchung wer­den, aus der Mitte des Glaubens und aus der Sicht des Gläu­bi­gen – von mir als Pasta­fari. Also eine beken­nt­nis­ge­bun­dene Unter­suchung zum Pasta­far­i­tum.

MIZ: Sie ver­ste­hen das Werk nicht als Satire?

Joseph Capelli­ni: Nein, keineswegs. Wie kom­men Sie darauf? Prophet Bob­by Hen­der­son beze­ich­net im Evan­geli­um das Pasta­far­i­tum als die „beste Reli­gion“. Das nehme ich ernst. Mein Werk fol­gt der Botschaft des Evan­geli­ums. Es ist The­olo­gie.

MIZ: Sie beziehen sich aus­giebig auf Joseph Ratzingers „Ein­führung in das Chris­ten­tum“ – ver­fasst 1968, als er in Tübin­gen The­olo­giepro­fes­sor war, lange vor sein­er Wahl zum Papst Benedikt XVI. Warum ger­ade dieser Bezug?

Joseph Capelli­ni: Ratzingers „Ein­füh­rung“ ist sehr pop­ulär, ein Welt­best­seller, und begrün­dete seinen Ruf, ein Jahrhun­dert­the­ologe sein­er Kirche zu sein. Sein Buch erhielt die kirch­liche Druck­er­laub­nis, was als Garant für Glauben­streue gilt und damit – eng ver­bun­den – für höch­stes akademis­ches Niveau an deutschen Uni­ver­sitäten. Ich habe früh erkan­nt, dass Ratzingers Werk eine so große the­ol­o­gis­che Kraft besitzt, dass sie mich in meinen Bemühun­gen als pasta­farisch­er The­ologe enorm weit­erträgt. Zwar nen­nt er Gott meist Jesus, Chris­tus, Jesus der Chris­tus, Vater, Sohn oder Heiliger Geist, aber indem ich das Spaghet­ti­mon­ster als höch­sten Bezugspunkt erkenne, kommt die Kraft sein­er The­olo­gie – wie ich finde – sog­ar noch bess­er zum Aus­druck. Vielle­icht ist seine The­olo­gie auch nur ein Anhängsel des Spaghet­ti­mon­sters. Ich bin jeden­falls davon überzeugt, dass wir in den The­olo­gien auf ein­er tief­er­en, uni­versellen Ebene miteinan­der ver­bun­den sind.

MIZ: Manch­es in Ihrem Buch erin­nert stark an Ratzingers Argu­mente und Wort­laut. Ist es eine Kopie oder ein Orig­i­nal?

Joseph Capelli­ni: Bei meinem Buch han­delt es sich um das erste trans­par­ente Pas­tiche der mod­er­nen The­olo­giegeschichte. Die Epig­o­nal­ität Ratzingers habe ich im Werk offen bekan­nt. Ich habe seine Gedanken nicht aus dem Zusam­men­hang geris­sen, son­dern ihnen den gebühren­den Platz gewährt – aus­führlich, respek­tvoll und mit großem the­ol­o­gis­chem Ver­ständ­nis. Ich denke, es wäre in seinem Sinne.

MIZ: Aus dem Pasta­far­i­tum hät­ten wir eine kri­tis­chere Sicht erwartet. Gibt es kri­tis­che Pas­sagen?

Joseph Capelli­ni: Dur­chaus, aber nicht in Bezug auf Ratzinger. Beispiel­sweise kri­tisiere ich Hans Albert in aller gebote­nen Deut­lichkeit. Anlass ist vor allem sein Werk Joseph Ratzingers Ret­tung des Chris­ten­tums, in dem er Ratzinger eine Beschränkung des Ver­nun­ft­ge­brauchs unter­stellt. Mit sein­er the­olo­giefrem­den Art der Fix­ierung auf den Kri­tis­chen Ratio­nal­is­mus hat er sich allerd­ings selb­st den Zugang ver­stellt.

Zur soge­nan­nten Wahn-Trilo­gie von Heinz-Wern­er Kub­itza sage ich das Nö­tige aus pasta­farisch­er Per­spek­tive. Über Richard Dawkins, Michael Schmidt-Salomon, Carsten Frerk, Philipp Möller und andere möchte ich an dieser Stelle bewusst schweigen. Ich will meine Wer­tun­gen nicht verkürzt wiedergeben. Die Leser mögen meine Ein­führung in die Hand nehmen und sich ein eigenes Bild machen.

MIZ: Gab es Rück­mel­dun­gen aus der katholis­chen The­olo­gie?

Joseph Capelli­ni: In Ratzingers altem Lehrstuhl an der Uni­ver­sität Tübin­gen liegt mein Werk zur Auswer­tung vor. Wann das abgeschlossen ist und wann ein Forschungssym­po­sium mit weit­eren katholis­chen Lehrstühlen über meine „Ein­führung“ abge­hal­ten wird, darüber wird dort wohl noch berat­en. Vielle­icht warten sie auch, bis die DFG eine Förderzusage erteilt oder einen Son­der­forschungs­bere­ich zur inter­re­ligiösen Koop­er­a­tion mit unserem Kirchenin­sti­tut ein­richtet, mit dem wir …

MIZ: Sie haben ein Kirchenin­sti­tut für das Pasta­far­i­tum?

Joseph Capelli­ni: Ja, natür­lich. Es heißt „Kirchenin­sti­tut“. Ohne Zusatz. Da weiß sowieso jed­er, dass unsere Kirche gemeint ist. Mit diesem Namen unter­stre­ichen wir seit jeher unsere zen­trale Stel­lung im the­ol­o­gis­chen Diskurs. Man find­et alles Weit­ere auf kircheninstitut.de. Im Buch nenne ich zudem mehrere Per­so­n­en des öffentlichen Lebens, die sich bish­er nicht offen zu unserem Glauben bekan­nt haben und nun mit wichti­gen Impulse zum Diskurs beitra­gen.

MIZ: Und wie wollen Sie diesen Diskurs voran­brin­gen – in The­olo­gie, Gesellschaft und Öffentlichkeit?

Joseph Capelli­ni: Das Aller­wichtig­ste ist mir, Brück­en zwis­chen den Reli­gio­nen zu bauen. Das ist keineswegs auf das Pasta­far­i­tum und das Chris­ten­tum beschränkt – aus der islamis­chen Welt würdi­ge ich mehrere vielver­sprechende Ansätze. Im Buch entwerfe ich eine Pax Pasta­far­i­ana und beschreibe, wie wir sie durch Dia­log mit allen Reli­gio­nen erre­ichen kön­nen. Ich bin überzeugt, dass die the­ol­o­gis­chen Fun­da­mente, die ich freigelegt habe, zeigen, dass im Pasta­far­i­tum eine feste Basis für den inter­re­ligiösen Dia­log beste­ht.

Entsch­ieden wende ich mich jedoch gegen jede neg­a­tive Pasta­farolo­gie. Wir erwarten Sol­i­dar­ität in der Gesellschaft angesichts mil­i­tan­ten Antipasta­far­i­an­is­mus’, zunehmender Pasta­fa­ri­pho­bie und der Auswüchse des antipasta­farischen Ras­sis­mus.

Ich bin zuver­sichtlich. Wir befind­en uns im Früh­pasta­far­i­tum und ste­hen noch ganz am Anfang eines lan­gen the­ol­o­gis­chen und gesellschaftlichen Prozess­es. Mein Buch ver­ste­ht sich als erster Beitrag dazu – offen für the­ol­o­gis­che Weit­er­führung und eine bre­ite gesellschaftliche Debat­te über die Rolle der Reli­gio­nen.

MIZ: Vie­len Dank für das Gespräch.

Veröf­fentlicht in MIZ 1/25 / archiviert

Veröf­fentlicht im hpd.de am 15. Mai 2025 / archiviert