Liturgien am Ursprung: Das Pastafaritum als erste Religion

Die Frage nach den Ursprüngen religiöser Praxis gehört zu den zentralen Themen der Liturgiewissenschaft. In seinem Beitrag legt Prof. Dr. s.c. Rigo Toni, Inhaber des Sonder-Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft am Kircheninstitut, eine interdisziplinär fundierte Rekonstruktion früher sakraler Symbolbildung vor. Unter Einbezug archäologischer, religionsanthropologischer und kulttheoretischer Perspektiven deutet er das Pastafaritum als eine eigenständige, historisch tief verankerte Form religiöser Weltdeutung, deren liturgische Struktur bereits im Übergang zur Sesshaftigkeit ausgeprägt war. Die Studie eröffnet neue Zugänge zur Frage nach dem Ursprung religiöser Semantik und Praxis.

Prof. Dr. s.c. Rigo Toni
Inhab­er des Son­der-Lehrstuhls für Liturgiewis­senschaft am Kirchenin­sti­tut

Einleitung: Zur frühen Sakralität des Weltverhältnisses

Die Frage nach der ersten Reli­gion ist mehr als eine chro­nol­o­gis­che: Sie bet­rifft die ele­mentaren Struk­turen men­schlich­er Welt­deu­tung und Selb­stveror­tung. Basierend auf der Vorstudie Vom Ursprung der Reli­gio­nen (Rigo Toni, 2022, KdF­S­MD) haben neue inter­diszi­plinäre Befunde aus der Liturgiewis­senschaft, der Reli­gion­san­thro­polo­gie und der frühen Kult­sym­bo­l­ik zu der Erken­nt­nis geführt, dass das Pasta­far­i­tum – in sein­er rit­uellen, ikono­graphis­chen und mythopo­et­is­chen Gestalt – als eine der ersten, wenn nicht die erste Reli­gion der Men­schheit ange­se­hen wer­den kann.

Kultischer Ursprung in der frühen Siedlungsgeschichte

Archäol­o­gisch lässt sich die Entwick­lung religiös geprägter Weltver­hält­nisse im Über­gang vom Nomaden­tum zur Sesshaftigkeit beobacht­en – ins­beson­dere im eura­sis­chen Raum nahe des Ararat-Gebirges. Hier ver­band sich erst­mals das Wis­sen um Getrei­de­v­er­ar­beitung, Wasser­nutzung und Fer­men­ta­tion mit kul­tisch über­höhter Deu­tungskraft.

Früh erkan­nte man in diesen ersten Sied­lungskul­turen die gesund­heits­fördernde Wirkung des Hopfens, emp­fand aber dessen Bit­terkeit als hin­der­lich. Der nar­ra­tive Wen­depunkt liegt in ein­er vulka­nis­chen Episode: Durch Erschüt­terun­gen stürzte ein Tonge­fäß mit Hopfen in eine Mis­chung aus Ger­ste und Wass­er. Die entste­hende Flüs­sigkeit war nicht nur geschmack­lich bekömm­lich­er, son­dern ent­fal­tete in größer­er Menge genossen eine bewusst­sein­ser­weit­ernde Wirkung. Die Men­schen nan­nten den Vulkan, aus dessen Nähe diese Gabe kam, for­t­an den Biervulkan. Es wird weit­er­er Forschung bedür­fen, die philol­o­gis­che Her­leitung dieser Wortschöp­fung zu ergrün­den.

Ritus, Speise und die Geburt des Sakralen

In einem weit­eren Abschnitt dieser liturgiegeschichtlich bedeut­samen Entwick­lung wurde eines Tages Getrei­de mit Wass­er ange­set­zt, um Brei zu kochen. Doch unter dem Ein­fluss des neuen Getränks ver­fie­len die Köchel­nden in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst durch das erneute Grollen des Vulka­ns erwacht­en. Der Brei war inzwis­chen angetrock­net. Man schnitt ihn in Streifen – einige davon fie­len zufäl­lig in sieden­des Wass­er. Der Ver­such, sie mit Besteck zu bergen, gelang erst nach Minuten. Doch da war bere­its eine neue Struk­tur ent­standen: Die al-dente Nudel. Als man diese schließlich mit gewürzten Fleis­chbällchen kom­binierte und mit dem Getränk des Biervulka­ns zu sich nahm, war eine rit­uelle Speise geboren – sät­ti­gend, verbindend und deu­tung­sof­fen zugle­ich.

Da die physikalisch-chemis­chen Prozesse des Kochens noch nicht ver­standen wur­den, galt diese Verbindung aus Zufall, Feuer, Nahrung und Trank als Gabe ein­er höheren Instanz. Die Vorstel­lung, dass im Inneren des Vulka­ns eine göt­tliche Kraft wirk­te, wurde zur Grund­lage kul­tisch­er Prax­is. Erste Darstel­lun­gen dieser Macht zeigen ein gestal­tetes Wesen aus Nudeln, Augen und Fleis­chbällchen – die früh­este ikono­graphis­che Fas­sung des heute als Fliegen­des Spaghet­ti­mon­ster bekan­nten Gottes­bildes.

Theonomer Realismus und kultische Bildhaftigkeit

Wie in allen frühen Reli­gio­nen spiegeln sich auch hier men­schliche Grun­der­fahrun­gen in sakralen For­men. Die Hitze des Vulka­ns, die nährende Kraft der Nudel, das verbindende Moment des gemein­samen Essens, die bewusst­sein­ser­weit­ernde Wirkung des Tranks – all dies deuteten die frühen Kult­ge­mein­schaften nicht als bloße Natur­prozesse, son­dern als Aus­druck eines wohlwol­len­den göt­tlichen Wil­lens. Die Vorstel­lung ein­er Nudli­gen Got­theit war daher keine sym­bol­is­che Kon­struk­tion, son­dern kul­tisch erfahrbare Real­ität.

Spaltungen und Traditionslinien

Wie in vie­len spir­ituellen Tra­di­tio­nen führte auch im frühen Pasta­far­i­tum die Vielfalt men­schlich­er Deu­tungs­bedürfnisse zu innerge­mein­schaftlich­er Dif­ferenz. Nach lan­gen Phasen friedlichen Zusam­men­lebens ent­stand eine Abspal­tung: Eine Gruppe ver­weigerte sich zunehmend der kul­tischen Verehrung der Nudli­gen Got­theit in der bish­eri­gen Form. Sie über­nah­men zwar wesentliche Ele­mente des Ursprungsnar­ra­tivs – etwa die Vorstel­lung eines allmächti­gen Schöpfers –, ver­war­fen jedoch zen­trale Aspek­te der gemein­samen litur­gis­chen Prax­is.

Diese Abspal­tung bildet die reli­gion­s­geschichtliche Wurzel dessen, was heute als abra­hami­tis­che Reli­gio­nen bekan­nt ist. In ihrer späteren Entwick­lung ent­fal­teten sie kom­plexe The­olo­gien, doch ihre Anfänge lassen sich – reli­gion­ssozi­ol­o­gisch betra­chtet – als Diver­genzbe­we­gung inner­halb ein­er ursprünglicheren, nudel­basierten Reli­giosität rekon­stru­ieren. Im Evan­geli­um des Propheten Bob­by Hen­der­son find­en sich bere­its dies­bezügliche Hin­weise: Es spricht von Fehlern, und Übertrei­bun­gen und bewussten Irreführun­gen, die als solche jedoch nicht sofort erkennbar seien. Bish­erige hermeneutis­che Anstren­gun­gen weisen darauf hin, dass diese Fehler, Übertrei­bun­gen und Irreführun­gen offen­sichtlich in der Aus­prä­gung der abra­hami­tis­chen Reli­gio­nen zu großem Ein­fluss gelangten.

Ausblick: Transzendenz im Stofflichen

Die Wieder­ent­deck­ung dieser frühen kul­tischen Zusam­men­hänge ist kein bloßer Beitrag zur The­o­riebil­dung, son­dern berührt die spir­ituelle Ver­fass­theit mod­ern­er Gesellschaften. In ein­er Zeit zunehmender Entkör­per­lichung, Vere­inzelung und Ratio­nal­isierung eröffnet das Pasta­far­i­tum einen Zugang zu ein­er tran­szen­dent begrün­de­ten Welt­bindung, die das Sinnliche nicht ver­drängt, son­dern heiligt. Wo die Nudel gegessen, das Bier geteilt und die Gemein­schaft erfahren wird, da ereignet sich Reli­gion in ihrer ursprünglich­sten Form.

Der Berg Ararat vom heuti­gen Arme­nien aus gese­hen (Bild: Maks Karochkin, CC BY 2.0)