Drei Fragen an Gunnar Schedel: Was macht das Fliegende Spaghettimonster (FSM) im Alibri Verlag?

Das folgende Interview führte Prof. Dr. Gisela Spätzle, Dekanin des Fachbereichs Religionswissenschaften am Kircheninstitut, mit Gunnar Schedel, dem Geschäftsführer des Alibri Verlags (Aschaffenburg) als Teil einer religionswissenschaftlichen »Oral History« zur Frühphase pastafarischer Systembildung.

Prof. Dr. Gisela Spät­zle erläutert den Forschung­sh­in­ter­grund:

Das Inter­view ent­stand im Rah­men des Forschungsver­bunds »Pasta­farische Geschichte und Gegen­wart­skul­tur«, Son­der­pro­jekt »Quel­lenkunde der The­olo­gie des Früh­pasta­far­i­tum«, der auf eine sys­tem­a­tis­che Rekon­struk­tion der Publikations‑, Rezep­tions- und Diskurs­geschichte aus­gewählter pasta­farisch­er The­men zielt. Der Alib­ri-Ver­lag in Aschaf­fen­burg ste­ht seit sein­er Grün­dung für ein dezi­diert reli­gion­skri­tis­ches Pro­fil. Zugle­ich engagiert sich kein ander­er deutsch­er Ver­lag so kon­tinuier­lich und vielgestaltig für die Erforschung und Ver­mit­tlung des Früh­pasta­far­i­tum. Das pub­lizierte Spek­trum reicht von reli­gion­swis­senschaftlich­er Analyse über sys­tem­a­tis­che The­olo­gie bis hin zur päd­a­gogisch konzip­ierten Kinder­bibel – eine Band­bre­ite, die über­rascht und den inter­diszi­plinären Diskurs über Reli­gion und Kri­tik neu belebt.

Im Mit­telpunkt des Inter­views mit dem Alib­ri Ver­lag ste­hen ins­beson­dere Fra­gen der The­olo­giege­nese in postre­ligiösen Milieus, der Inter­feren­zen zwis­chen ver­schiede­nen The­olo­gien sowie der Mate­ri­al­ität religiös­er Kom­mu­nika­tion im säku­laren Buch­markt.

Das Inter­view eröffnet damit einen empirisch wie hermeneutisch auf­schlussre­ichen Zugang zu den medi­engeschichtlichen Bedin­gun­gen der Etablierung pasta­farisch­er The­olo­gie im säku­laren Pub­lika­tions­feld der Gegen­wart. Sicht­bar wird, in welchem Maße ver­legerische Entschei­dun­gen, edi­torische Strate­gien und diskur­sive Rah­mungen zur Aus­bil­dung des Früh­pasta­far­i­tum als lit­er­arisch­er und the­ol­o­gis­ch­er Bewe­gung beige­tra­gen haben.

***

Prof. Dr. Gisela Spät­zle: Alib­ri ist bekan­nt für ein säku­lares und reli­gion­skri­tis­ches Pro­gramm. Wie fügt sich die FSM-Pro­gramm­lin­ie in dieses Pro­fil ein – ins­beson­dere ein Titel wie »Die Kinder­bibel« (2023)? Und wie ist das Buch »Ein­führung in das Pasta­far­i­tum« (2025) zu ver­ste­hen, das in sein­er beken­nt­nishaften, the­ol­o­gis­chen Aus­rich­tung bei manchen den Ein­druck erweckt, Joseph Ratzinger hätte daran mit­gewirkt?

Gun­nar Schedel: Im Ver­lag vertreten wir die Auf­fas­sung, dass Reli­gion­skri­tik nicht bloß eine philosophis­che Fin­gerübung sein sollte, son­dern den Blick auf die gesellschaftlichen Fol­gen religiös­er Prak­tiken und Denkweisen richt­en muss. Und wenn ich auf die acht »Am Lieb­sten Wäre Mir« schaue und das Ver­hal­ten der Pasta­fari, denen ich bis­lang begeg­net bin, berück­sichtige, sehe ich keinen Grund für Berührungsäng­ste. Bei Alib­ri pub­lizieren schließlich auch his­torisch-kri­tisch arbei­t­ende The­olo­gen, säku­lare Mus­lime oder der langjährige Vor­sitzende ein­er lib­eralen jüdis­chen Gemeinde.

Die »Spaghet­ti­mon­ster-Kinder­bibel« ste­ht ganz in dieser Tra­di­tion: Kindern wird eigen­ständi­ges Denken und Tol­er­anz ver­mit­telt – das liegt exakt auf unser­er Ver­lagslin­ie. Dass ich einzel­nen Aspek­ten, etwa der Erk­lärung des Kli­mawan­dels, nicht zus­timme, kann ich ver­schmerzen.

Bei der »Ein­führung in das Pasta­far­i­tum« war die Entschei­dung tat­säch­lich schwieriger. Wir haben im Ver­lag lange disku­tiert, ob das Werk nicht zu the­ol­o­gisch sei. Es ist keine leichte Lek­türe, son­dern erfordert eine tief­ere Auseinan­der­set­zung auf mehreren Ebe­nen. In ein­er Zeit, in der Kom­mu­nika­tion von 200-Zeichen-Posts geprägt ist, fragt man sich natür­lich: Gibt es dafür noch ein Pub­likum? Wir waren skep­tisch. Auss­chlaggebend war let­ztlich der Ein­druck, dass die »Ein­führung« bei ein­er wirk­lich reflek­tierten Lek­türe ein the­olo­giekri­tis­ches Poten­tial ent­fal­ten kann – ver­mut­lich nicht in der Absicht des Autors, aber doch als Ergeb­nis der Lek­türe. Das erin­nert ein wenig an die his­torisch-kri­tis­chen The­olo­gen des 19. Jahrhun­derts, deren Arbeit Fol­gen hat­te, die sie selb­st wohl kaum abse­hen kon­nten.

In »Das Fliegende Spaghet­ti­mon­ster. Reli­gion oder Reli­gion­spar­o­die?« (2017) wird das Pasta­far­i­tum reli­gion­sphänom­e­nol­o­gisch und weltan­schau­ungsrechtlich analysiert. Was daran ist heute noch aktuell – und warum lohnt es sich, das Buch auch 2025 noch zu lesen?

Das Reli­gion­srecht in Deutsch­land verän­dert sich – lei­der – nur sehr langsam. Acht Jahre sind da kaum mehr als ein Wim­pern­schlag. In allen Parteien dominieren die Kräfte, die das beste­hende Sys­tem bewahren wollen. Die Priv­i­legien der Reli­gion­s­ge­sellschaften sollen höch­stens auf einige dem Staat genehme Grup­pierun­gen aus­geweit­et wer­den. Die Kirche des Fliegen­den Spaghet­ti­mon­sters gehört nicht dazu.

Insofern beschreibt das Buch weit­er­hin tre­f­fend die Sit­u­a­tion ein­er ver­gle­ich­sweise jun­gen Reli­gion­s­ge­mein­schaft mit kurz­er Tra­di­tion. Natür­lich hat sich seit­dem einiges getan, aber wer ver­ste­hen will, wie der weltan­schauliche Hase in Deutsch­land läuft, find­et hier immer noch eine fundierte Analyse.

Etwas anders sieht es bei der inneren Entwick­lung des Pasta­far­i­tum aus: Da passiert viel Dynamis­ches – das ist für junge Reli­gion­s­ge­mein­schaften typ­isch. Manche Pas­sagen kön­nten daher ein Update gebrauchen. Mal sehen, ob es irgend­wann eine zweite Auflage geben wird.

Welche Res­o­nanz erfahren die FSM-Titel bei den Leserin­nen und Lesern? Erhal­ten Sie Rück­mel­dun­gen, die sie als reli­gion­skri­tisch oder gar gottes­läster­lich einord­nen – und den Ver­lag dafür kri­tisieren? Und zugle­ich solche, die sie als ernst gemeintes Glauben­sange­bot ver­ste­hen – und den Ver­lag dafür eben­so kri­tisieren?

Die Res­o­nanz ist schw­er einzuschätzen. Abge­se­hen von ein paar Rezen­sio­nen gibt es heute kaum noch direk­te Rück­mel­dun­gen. Kom­mu­nika­tion hat sich grundle­gend verän­dert: Früher kam viel Post – Belehrun­gen, Beschimp­fun­gen, manch­mal auch Dro­hun­gen, oft mit umfassenden Anla­gen und immer mit Absender. Heute äußert sich vieles in dig­i­tal­en Blasen, ohne Dialog­bere­itschaft, meist anonymer und zufäl­liger.

Da alle FSM-Pub­lika­tio­nen in diese Zeit fall­en, lässt sich die Wirkung schw­er messen. Beson­ders bemerkenswert war eine Rezen­sion im Infor­ma­tions­di­enst der Einkauf­szen­trale der Öffentlichen Bib­lio­theken. Dort schrieb Susanne Brandt:
»Um die Ele­mente ihres Uni­ver­sums [des Pasta­far­i­tum] pro­vokant und schrill ins Spiel zu brin­gen, wird dabei das in ihren Augen tra­di­tionell Religiöse eben­so plaka­tiv, vere­in­facht und verz­er­rt dargestellt.«

Wer ins Buch schaut, erken­nt sofort: Das »tra­di­tionell Religiöse« wird über­haupt nicht dargestellt – es geht auss­chließlich um das Pasta­far­i­tum. Frau Brandt sagt schlicht die Unwahrheit. Ziel solch­er Rezen­sio­nen ist offen­bar, Bib­lio­theken davon abzuhal­ten, das Buch in den Bestand aufzunehmen.

***

Hin­weis:

Bei vie­len Bib­lio­theken kön­nen Nutzerin­nen und Nutzer Anschaf­fungsvorschläge unkom­pliziert über ein Online-For­mu­lar ein­re­ichen – ein ein­fach­er Weg, um die Auf­nahme dieser Titel in den Bestand anzure­gen.

Die Büch­er sind im Han­del erhältlich. Wer direkt im Online-Shop des Alib­ri-Ver­lags bestellt, unter­stützt zugle­ich einen unab­hängi­gen Ver­lag, der für säku­lare Posi­tio­nen, reli­gion­skri­tis­ches Denken und pub­lizis­tis­che Vielfalt ste­ht: www.alibri.de/Shop